10 Jahre Libereco

Auf den Tag genau vor zehn Jahren sind in einem Raum des Bonner Instituts für Mikrobiologie und Biotechnologie zehn Enthusiast*innen zusammengekommen: „Um die Gründung des Vereins ‚Libereco – Partnership for Human Rights‘ zu beschließen“, wie es in dem allerersten Protokoll heißt.

Seit dem 1. Februar 2009 ist viel passiert. Libereco ist nicht nur kräftig gewachsen, auch unsere Aktionen sind immer umfangreicher und die Partnerschaften weit verzweigter geworden. Zum 10 Jahrestag der Gründung von Libereco wagen wir nun einen Blick zurück auf die vergangenen Jahre, die wichtigsten Projekte und zentralen Wegmarken unserer Organisation.

Seit einem Jahrzehnt in der Menschenrechtsarbeit zu Belarus aktiv

Fast alle der zehn Libereco-Gründungsmitglieder kamen aus der Bonner Ortsgruppe von Amnesty International. Sie hatten sich schon teils seit der Jahrtausendwende insbesondere für eine Verbesserung der Menschenrechtslage in Belarus eingesetzt. Um vor dem Hintergrund dortiger massiver Repressalien gegen Regierungskritiker den internationalen Fokus noch stärker auf das postsowjetische Land zu richten, ist Libereco gegründet worden. Von Anfang an konnten wir viele bestehende Kontakte zu belarussischen Organisationen und Aktivist*innen nutzen und diese in den folgenden Jahren noch weiter ausbauen. Zu nennen ist hier insbesondere die Zusammenarbeit mit der wichtigsten belarussischen Menschenrechtsorganisation Viasna.

In den ersten Jahren nach der Gründung machten wir vornehmlich deutschland- und europaweit Lobbyarbeit für die Freilassung politischer Gefangener und für Opfer von Repressionen und staatlicher Willkür in Belarus. Dazu gründeten wir auch ein Patronatskomitee, dem unter anderem der damalige Europaparlamentarier Marek Migalski und die Ex-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck angehörten.

Später verlagerte sich die Arbeit des Vereins zunehmend auf öffentlichkeits- und breitenwirksame Projekte sowie Bildungsarbeit und Trainings im Menschenrechtsbereich: Von 2011 bis 2013 tourte unsere Ausstellung zur Menschenrechtslage in Belarus durch ganz Deutschland und die Schweiz, 2014 organisierten wir das erste „Belarus Barcamp“ in Wernigerode und in den Jahren 2015 sowie 2016 beobachteten wir die Präsidentschafts- beziehungsweise Parlamentswahlen in Belarus im Rahmen der trinationalen journalistischen Recherchereise „Belarus Votes“. Außerdem setzten wir uns für aus politischen Gründen exmatrikulierte Studierende ein und werteten alltägliche Repressionen in den Monaten nach der Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Belarus aus.

In unserem aktuellen Projekt, das bereits seit Herbst 2018 läuft, arbeiten wir zusammen mit dem Belarussischen Helsinki Komitee und Humana Constanta an einem Bericht zur menschenrechtlichen Situation von Obdachlosen in Belarus. Die Ergebnisse werden im Rahmen einer Medienreise im Frühjahr 2019 der belarussischen und internationalen Öffentlichkeit präsentiert.

Graphic Novel dokumentiert Menschenrechtsverletzungen im Donbas

Seit der Annexion der Krim durch Russland und dem Ausbruch des Krieges im Donbas haben auch in der Ukraine die Menschenrechtsverletzungen zugenommen – gerade in den Konfliktgebieten. Deshalb engagiert sich Libereco seit dem Frühjahr 2014 auch in der Ukraine. Anfangs sammelten wir vor allem Spenden für humanitäre Projekte, daraus erwuchsen feste Partnerschaften in der Menschenrechtsarbeit und -bildung.

Unser zentrales Projekt in der Menschenrechtsarbeit zur Ukraine ist die Graphic Novel „Crossroads“, die wir 2017 gemeinsam mit Menschenrechts- und zivilgesellschaftlichen Aktivist*innen und Künstler*innen erarbeitet haben.

Die Graphic Novel bildet Angst und Not, Entscheidungen und Hoffnungen der Menschen in der Ostukraine ab. Seit Mitte 2018 entwickeln wir nun Konzepte, das Buch in der Menschenrechtsbildung einzusetzen. Wir werden es in Kürze neben den bereits existierenden Versionen auf Ukrainisch und Russisch auch auf Englisch und Deutsch übersetzen und verbreiten.

100.000 Euro gespendet seit 2009

Seit der Gründung des Vereins im Jahr 2009 sammeln wir Spenden, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und bekannt zu machen, um so den politischen Druck auf die verantwortlichen Regierungen zu erhöhen. Außerdem helfen wir notleidenden Menschen in Belarus und in der Ukraine.

In den vergangenen zehn Jahren konnten wir fast 100.000 Euro sammeln – viele Spender unterstützen uns und unsere Arbeit seit Anbeginn und regelmäßig. Ihnen gebührt ein besonderer Dank!

Doch was ist mit diesem Geld passiert? Wir haben damit Menschenrechtsorganisationen sowie Obdachlosenprojekte in Belarus unterstützt, vor allem aber Notdürftigen in der Ukraine geholfen: Die in Deutschland, der Niederlande und der Schweiz gesammelten Gelder kamen unter anderem verwundeten Zivilisten des Euromaidans in Kiew und den Kriegsgebeiten im Osten der Ukraine zugute.

Dazu konnte unsere ukrainische Partnerorganisation Vostok SOS Dank der von Libereco gesammelten Spenden einen Krankenwagen kaufen, eine Schule sowie mehrere Kinder- und Jugendzentren renovieren und mit Technik, Lernmaterialien und Spielzeug ausstatten. Außerdem konnten wir seit 2014 zusammen mit Vostok SOS hunderte Menschen – vor allem Alte, Kranke und Familien mit Kindern – mit Hilfsgütern versorgen, die in Gebieten nahe der nach wie vor aktiven Front leben.

Angesichts der vielen kleinen und einiger größerer Erfolge in den vergangenen zehn Jahre darf eines nicht vergessen werden: Nahezu die gesamte Arbeit von Libereco geschieht ehrenamtlich – sei es in der Freizeit, am Wochenende oder spät am Abend. Besonderer Dank gebührt daher nicht nur allen ehemaligen und derzeit aktiven Mitgliedern, sondern auch unseren Wegbegleitern und Unterstützern, die Libereco all die Jahre vertraut und uns motiviert haben, auch manchmal ungewöhnliche Wege zu gehen.

Wir werden das Jubiläum im Frühsommer in Berlin gebührend feiern – und wollen dabei mit möglichst vielen Freund*innen, Helfer*innen, Partnerorganisationen und Gästen anstoßen! Über den Termin werden wir rechtzeitig in unserem Newsletter informieren, den Sie – falls Sie es noch nicht getan haben sollten – hier abonnieren können.

10 Jahre Libereco in Zahlen:

  1. Derzeit haben wir 40 Mitglieder in Deutschland, der Schweiz und in den Niederlanden.
  2. Seit 2009 haben wir acht große Projekte abgeschlossen, zwei weitere laufen derzeit noch.
  3. Insgesamt haben wir mit fast 20 unterschiedlichen Partnerorganisationen aus Deutschland, Belarus, der Ukraine, Polen und Litauen zusammengearbeitet.
  4. Darüber hinaus hatten wir internationale Kooperationen, Kampagnen und Petitionen mit NGOs aus den USA, Schweden, Tschechien, Norwegen, Südafrika, der Slowakei und der Schweiz.
  5. Derzeit sind Libereco-Gruppen vor allem in Berlin, München und Zürich aktiv.
  6. In den zehn Jahren unseres Bestehens wurde unsere Webseite über 660.000 Mal angeklickt.
  7. Seit 2014 ist Libereco Mitglied bei MitOst, seit 2017 sind wir Teil der Civic Solidarity Platform.

10 Jahre Libereco in Bildern:

Bonn, 2009: Das Gründungstreffen.

Zürich, 2010: Protestaktionen gegen die massiven staatlichen Repressalien und die Niederschlagung einer Großdemonstration nach der belarussischen Präsidentschaftswahl.

Dresden, 2011: Libereco zeigt auf dem Evangelischen Kirchentag eine Ausstellung zur Menschenrechtslage in Belarus.

Brüssel, 2012: Insgesamt 15 Vertreter*innen von Libereco, Gefangenes Wort, dem Bund für Soziale Verteidigung und der Berliner Belarus-Gruppe von Amnesty International sowie der belarussische politische Aktivist und Journalist Aliaksandr Atroschtschenkow und Siarhiej Mackiewitsch, Vorsitzender des Assembly of NGOs of Belarus, besuchten das EU-Parlament. Dort sprachen wir unter anderem mit Filip Kaczmarek (Bildmitte), dem damaligen Vorsitzenden der EU-Delegation für die Beziehungen zu Belarus.

Hamburg, 2013: Zusammen mit der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt forderte Libereco auf dem Evangelischen Kirchentag die Freilassung aller politischen Gefangenen in Belarus.

Leipzig, 2014: Zweitägiger Workshop zu Menschenrechten in Belarus und Ukraine.

Minsk, 2015: Teilnehmende von „Belarus Votes“, einer von Libereco mitorganisierten journalistischen Wahlbeobachtung zur belarussischen Präsidentschaftswahl 2015, am Minsker Hauptbahnhof.

Berlin, 2016: Vorbereitungsworkshop zur zweiten Ausgabe von „Belarus Votes“ im Vorfeld der belarussischen Parlamentswahl 2016.

Kiew, 2017: Treffen der Graphic-Novel-Projektgruppe. Libereco-Projektleiterin und Historikerin Imke Hansen erklärt, warum die Graphic Novel eine Möglichkeit darstellt, Menschenrechtsverletzungen darzustellen, die allein mit Worten nur schwer zu fassen sind.

Schtschastja, 2018: Zwei Mitglieder des Libereco-Vorstands reisten in die Ostukraine, um dort die Kontakte zu unserer Partnerorganisation Vostok SOS zu intensivieren. Und, um Ideen für künftige Projekte zu entwickeln und die Arbeit im Osten der Ukraine unmittelbar kennenzulernen – wie hier im Gespräch mit zwei Bewohnerinnen des Städtchens Schtschastja, das direkt an der Front liegt.